Interview

Interview mit Stephan Döblin

Er strebte immer nach Verbesserung
Gespräch mit Stephan Döblin

Stephan Döblin ist der jüngste Sohn von Alfred und Erna Döblin. Er wurde 1926 in Berlin geboren, floh mit der Familie 1933 nach Frankreich und 1940 in die USA. 2005 übernahm er die Vertretung der Erbengemeinschaft Döblin. Er lebt in Louveciennes.
Neue Rundschau: Vor 80 Jahren erschien ein Foto von Ihnen und Ihren Eltern im Ersten Rückblick, und Ihr Vater schrieb dazu: ›Anbetung des Jüngsten‹. – Wie war Alfred Döblin als Vater?
Stephan Döblin: Es kommt ganz darauf an, an welche Zeit Sie denken. Als ich ein kleiner Junge war, war er kein ›guter‹ Vater. Er sah sein Kind durchaus gern, aber er hatte keine Zeit für Kinder und mochte keinen störenden Kinderlärm. So war er jedenfalls für mich – bei meinen Brüdern weiß ich es nicht – in den Jahren von 1926 bis 1933 in Deutschland kein besonders ungewöhnlicher Vater. Ich hatte ein Kindermädchen, Greta. Vater und Mutter waren oft auf Empfängen und reisten in Deutschland herum. Ich erinnere mich nicht, dass sie viel Zeit mit mir verbracht hätten. Ich kam neun Jahre nach meinem nächst älteren Bruder und bin wohl der ›Unfall‹ in ihrem Leben, mehr oder weniger erwünscht. Mein Bruder Claude nannte mich ›das Versöhnungskind‹. Vater spielte gern mit mir, er war lieb zu seinem Kind, aber Aufmerksamkeit für ein sehr junges Kind war zu dieser Zeit nicht seine Priorität.
In Frankreich war er so bestürzt über das, was in Deutschland geschah und über die Flucht aus seinem Heimatland. Er pflegte regen Kontakt mit deutschen Schriftstellern und Intellektuellen im Exil und war nicht übermäßig am Alltag eines Kindes interessiert. Ich stand nicht auf einer Stufe mit ihm. Er hatte mehr Zeit und war als Vater stärker an mir interessiert, kümmerte sich aber wenig um meine alltäglichen ›kleinen‹ Probleme. Meine Mutter hingegen war extrem um meine Erziehung besorgt; natürlich trug sie den größeren Teil der familiären Lasten. Sie war daran gewöhnt, ein Dienstmädchen zu haben, und urplötzlich hatten wir keine Hilfe mehr im Haushalt. Als ich jedoch Probleme mit dem Rücken bekam, und zwar ernsthafte Probleme mit einer Skoliose, die mich mein ganzes Leben lang geplagt hat, nahm Vater sich Zeit und ging zweimal die Woche mit mir zu einem Krankengymnasten, wo ich körperliche Übungen machte. Er wollte sicher sein, dass man sich gut um mein körperliches Wohl kümmerte. An meiner Erziehung allerdings war er bis dahin niemals sonderlich interessiert gewesen.
Als wir in den USA waren, begann eine ganz andere Phase. Er war damals so einsam, so verloren, er verstand die Sprache nicht. Wir lebten im selben Raum, im selben Schlafzimmer, und dort wurde er auf einmal zu einem Vater. Jetzt interessierte er sich dafür, was ich lernte, welche Probleme ich als Jugendlicher hatte (ich war 13, als wir in den USA ankamen, und mit 18 ging ich von zu Hause fort), und versuchte, mich für einige der Gefahren zu sensibilisieren, denen Jugendliche gegenüberstehen. Er bestärkte mich immer sehr darin, etwas zu tun. Und dann wurde ihm ganz plötzlich klar, dass ich nicht die richtige Ausbildung bekam. Die öffentlichen Schulen in Los Angeles waren nicht das Angemessene für mich. Sie boten nicht die ›richtige‹ Art von Bildung wie in Europa; der Lehrplan hatte keinerlei ethische oder kulturelle Bestandteile. Er traf die Entscheidung – es war nicht Mutter – , mich für einige Monate bei einem von Jesuiten geleiteten Gymnasium anzumelden, hauptsächlich um mein Englisch zu verbessern, und dann auf eine Highschool zu schicken. Er war sehr auf meine schulischen Leistungen bedacht. Ebenso sollte ein Jugendlicher wie ich noch etwas anderes, Kulturelles tun. Also verfolgte er die Idee, ich sollte Musik hören. Mutter kaufte einen großen Plattenspieler, damals waren das riesige Geräte. Er besorgte Schallplatten, und er hörte diese Platten gemeinsam mit mir an. Er beschloss, dass ich ein Musikinstrument lernen sollte. Er stellte mich Wanda Landowska vor, denn sonderbarerweise meinte er, ich sollte das Harpsichord spielen lernen. Bei Wanda Landowska verbrachte ich etwa vier Stunden. Aber freilich war das Harpsichord nicht das richtige Instrument für den Anfang. Bei einem Treffen von Intellektuellen und Künstlern in Hollywood ergab sich die Gelegenheit, Igor Strawinsky um Rat zu fragen. Vater sagte Strawinsky, er wisse nicht, welches Instrument am besten für einen Jugendlichen geeignet sei, und Strawinsky empfahl die Klarinette. Er drängte meine Mutter dazu, mir eine Klarinette zu kaufen, und meine Mutter bezahlte den Musikunterricht. Aber die Initiative ging von ihm aus.
Und dann kam schließlich die Zeit, sich wegen des Wehrdienstes zu entscheiden – denn in den USA wurde man mit 18 wehrpflichtig, in Frankreich erst mit 21. Deshalb stand mir die Einberufung in die amerikanische Armee bevor. Ich beschloss – es war meine Entscheidung – dass ich nicht zur amerikanischen Armee gehen wollte. Ich wollte zur französischen Armee. Vater sagte mir, dies sei eine falsche Entscheidung, aber eben meine Entscheidung. Und er nahm großen Anteil daran, meine Haltung in diesem Punkt zu vertreten.
Und zuletzt erwies er sich nochmals als Vater, als er nach Frankreich zurückkam und ich meine heutige Frau kennen lernte. Meine Mutter war gegen unsere Heirat, ihre Haltung war sehr hart und streng. Mein Vater traf meine zukünftige Frau, und nachdem er eine halbe Stunde lang allein mit ihr gesprochen hatte, sagte er Ja, sie lieben einander, sie sollen heiraten.
Neue Rundschau: War sie dagegen, weil Sie so jung waren?
Stephan Döblin: Ja, sie hatte das Gefühl, dass ich zu jung war. Ich hatte noch keinen Beruf. Ich verdiente etwas Geld als Übersetzer bei der amerikanischen Armee, als Zivilist, aber ich hatte keinen Beruf. Ich hatte auch nicht studiert, und sie meinte, ich sollte auf die Universität gehen und meinen Lebensunterhalt verdienen, bevor ich heiratete.
Neue Rundschau: Sie waren als Manager bei verschiedenen Konzernen tätig, zuletzt als Finanzvorstand bei Renault. Ihr Vater und seine Vorfahren waren eher künstlerisch als praktisch begabt. Kommen Sie nach der Familie Reiss, der Familie Ihrer Mutter?
Stephan Döblin: Ich habe diese Ausrichtung niemals mit meinen Eltern besprochen. Mein Vater dachte sicher nicht, dass dies eine Laufbahn für mich wäre. Aber das Problem war, dass meine Mutter eine sehr harte Haltung einnahm: Wenn du eine Familie willst, musst du deinen Lebensunterhalt verdienen. Wir werden nicht für die neue Familie zahlen. Das ist deine Pflicht. Sie setzte mir eine Frist von einem Monat und sagte, danach bekommst du keinerlei finanzielle Unterstützung mehr von uns. Da stellte sich die Frage, was ich tun sollte. Das einzige, was ich konnte, waren Sprachen, ich sprach fließend Englisch und Französisch, mein Deutsch war nicht gut. Es gab zu dieser Zeit sehr wenige Leute in Paris, die fließend Englisch sprachen. Also sagte sie, such dir eine Branche, in der sie jemanden benötigen, der Englisch kann. Über Stellenanzeigen erfuhr ich, dass Ford France einen Assistenten für den amerikanischen Finanzmanager suchte, und so fing es an. Ich hatte zunächst keine besondere Vorliebe für Finanzen und Buchhaltung, ich hatte keine Ahnung von diesen Tätigkeiten und musste alles von der Pike auf lernen. Sicherlich wäre mir ein kultureller Beruf lieber gewesen, aber die Notwendigkeit, eine Familie zu versorgen, führte dazu, dass ich diese Finanzlaufbahn einschlug. Ein Leben ohne kulturelle Tätigkeiten könnte ich mir nicht vorstellen, auch heute für meine Kinder und Enkel nicht. Wenn man auf einem Feld wie dem der Finanzen arbeitet, heißt das nicht, dass man keine Zeit in Museen, mit Musik oder Büchern verbringen könnte …
Neue Rundschau: Gewiss. Sie waren sieben Jahre alt, als Ihre Familie 1933 Deutschland verlassen musste. Haben Sie Erinnerungen an Ihre Berliner Kindheit?
Stephan Döblin: Nein. Doch, ich erinnere mich an Greta. Sie war eine kleine Frau, litt unter Rückenproblemen, sie war lieb. Sie kümmerte sich um mich, und wir gingen vor dem Haus spazieren oder in den Tiergarten. Und ich erinnere mich, dass man mich häufig ermahnte, keinen Lärm zu machen, denn ich störte meinen Vater, wenn ich spielte. Der einzige bewegende Moment, an den ich mich lebhaft erinnere, ist, als wir Berlin verließen, der Tag, an dem wir aus Berlin weggingen, als alle weinten. Greta weinte, wollte mit uns gehen. Ich weinte, weil ich mich nicht von Greta trennen wollte. Vater nahm einen anderen Weg als meine Mutter und ich. Das ist die einzige Erinnerung, die ich habe, ich war zu jung.
Neue Rundschau: In seiner Chronologie schreibt Louis Huguet: ›C’est vraisemblablement peu après la naissance de Peter, suivie de son baptême dans le rite luthérien, ainsi que du baptême de Erna, que Döblin quitte la communauté judaïque.‹ Auch in Jochen Meyers Döblin-Chronik heißt es, Ihre Brüder und Sie seien protestantisch getauft. Sie sagen, dass diese Informationen nicht zutreffen. Die Döblinforschung ist dankbar für eine Klarstellung.
Stephan Döblin: Darüber habe ich mit Klaus gesprochen. Er sagte mir, dass man im deutschen Schulsystem eine Religion angeben musste. Wie es bei meiner Mutter war, weiß ich nicht aus erster Hand, aber ich habe herausgefunden, dass sie schon früher protestantisch gewesen sein könnte. Meine Mutter entschied, dass wir Kinder (mit Ausnahme von mir) in der Schule als protestantisch angemeldet wurden. Um noch etwas anderes klarzustellen: Niemand von uns, keiner wusste, dass wir Juden waren. Wir hatten keine Ahnung davon, was es bedeutete, Juden zu sein. Warum, warum, warum sind wir Juden? Wir sind so wie alle anderen, macht das irgendeinen Unterschied?
Zum ersten Mal fand ich 1938 heraus, dass ich Jude war, als man mich in Paris auf der Straße beschimpfte, ein schmutziger Deutscher zu sein, ›un sale boche‹ und ein ›juif‹. Davor hatte ich keine Ahnung, was es bedeutete. Klaus’ Reaktion war die gleiche: Vor dem Exil war ihm die Frage unserer Religion – jüdisch, protestantisch oder gar keine – niemals in den Sinn gekommen, formal war er protestantisch, und damit hatte es sich. Eine nähere Erklärung, weshalb meine Mutter sich so entschied, habe ich nicht; definitiv war es eine Entscheidung meiner Mutter. Bei unserer Taufe in Los Angeles wurde die protestantische Taufe im Taufschein meiner Mutter angegeben und nicht in Vaters oder meinem.
Neue Rundschau: In einer Bemerkung von 1911 sagte Ihr Vater, er schriebe überall, auch auf Nachtwache. Wie haben Sie Ihren Vater als Schriftsteller erlebt? Wann und wo schrieb er?
Stephan Döblin: Ich sah ihn als ›Vater‹, als ich ein kleines Kind war, so wie alle kleinen Kinder zu Hause ihren Vater wahrnehmen. Er war ganz einfach mein Vater. Es war mir nie sonderlich bewusst, dass er ein Schriftsteller war; für mich war er ein Arzt. Solange wir in Berlin waren, war er ein Arzt. Wir bekamen Besuche von Leuten mit, die ihn konsultierten, das ist eine Erinnerung, die ich habe. In Paris schrieb er hauptsächlich am Morgen. Nachmittags verbrachte er viel Zeit damit, durch die Straßen zu wandern, Cafés zu besuchen, einfach dazustehen und Leute zu beobachten. Oftmals tippte meine Mutter seine Texte ab, und er redigierte sie, und ich sah ihn Seite für Seite nehmen und überarbeiten. Das bekam ich mit, es geschah üblicherweise am Abend. Morgens schrieb er jedenfalls allein, während Mutter damit beschäftigt war, sich um den Haushalt zu kümmern, Lebensmittel einzukaufen, die Wohnung sauber zu machen und so weiter.
In Los Angeles schrieb er zu jeder Tageszeit, es gab eigentlich keine besondere Zeit. Nur im ersten Jahr war es etwas anders, obwohl er in diesem ersten Jahr wenig im Studio zu tun hatte. Er nahm seinen ›Job‹ sehr ernst; er wollte ihn sorgfältig erledigen, und so arbeitete er oft bis in die Nacht hinein. Nach einigen Monaten hatte er im Studio nichts mehr zu tun und schrieb dort seine eigenen Werke. Abends hatten wir oft Besuch. Entweder machte er einen Besuch, oder wir hatten Gäste. Es kamen andere Schriftsteller, vor allem Marcuse, Heinrich Mann, manchmal Brecht und Ernst Toch und so weiter. Die Abende verbrachte man im Wesentlichen mit Besuchen, oder man hörte Radio, hörte Musik. Als junger Mann, als ich mir ein Zimmer mit ihm teilte, war er kein nächtlicher Schreiber, er schrieb tagsüber.
Neue Rundschau: Haben Sie für ein zukünftiges Alfred-Döblin-Haus in Berlin oder zunächst für das Literaturarchiv in Marbach Erinnerungsstücke, z. B. den Koffer, in dem er seine Manuskripte auf der Flucht mit sich trug, oder die Schreibmaschine oder Teile des Mobiliars?
Stephan Döblin: Wissen Sie, die Möbel, die wir hatten, kamen dank eines anderen Flüchtlings nach Paris. Unsere Möbel standen lange in einer ›garde meuble‹, weil wir in unseren Unterkünften nicht genug Platz hatten, bis wir an den Henri-Delormel-Platz zogen. Während des Krieges kamen die Möbel wieder in die ›garde meuble‹. Als Mutter schließlich das Haus am Boulevard de Grenelle kaufte, kamen die Möbel wieder aus der ›garde meuble‹ und sie sah, dass viel davon bei der Lagerung kaputtgegangen war. Ebenso kam die Büchersammlung, die originale Berliner Bibliothek, und sein Tisch, sein Arbeitsplatz als Arzt, all dies stand im Boulevard de Grenelle. An diesen Schreibtisch erinnere ich mich sehr deutlich. Es war ein sehr massiver Schreibtisch. Die Bibliothèque war ebenfalls recht beeindruckend. Die Schreibmaschine ist ziemlich herumgekommen. Normalerweise benutzte nur meine Mutter die Schreibmaschine. In den Vereinigten Staaten tippte sie praktisch gar nicht, oder nur sehr wenig. Es war eine neue Schreibmaschine, eine amerikanische Schreibmaschine.
Ich erinnere mich an die Möbel, die aus dem Besitz meiner Mutter kamen. Ihr Mobiliar war sehr schön. Es war alt und exquisit, ich weiß nicht, aus was für einem Holz es war, meine Frau würde sich erinnern. Traurigerweise gingen Mutters Möbel an Peter, als die Eltern starben. Als Peter starb, wussten Peters Kinder sie nicht sonderlich zu schätzen. Sie sind nicht mehr in gutem Zustand und wurden zwischen Alfred-Peter und Rosemary aufgeteilt. Sie waren schön und bedeuteten mir etwas. Die meisten der Möbel, die Alfred und Erna zusammen während ihrer Ehe kauften, waren dagegen nichts Besonderes.
Neue Rundschau: Der Koffer, in dem Ihr Vater seine Manuskripte trug, ist nicht mehr da?
Stephan Döblin: Nein. Ich erinnere mich daran, wie Vater ihn durch Spanien trug und so weiter, aber er ›starb‹ in den Vereinigten Staaten. Es war nur eine alte Kiste.
Neue Rundschau: Für eine Ausstellung wäre es gut, einige persönliche Besitztümer zu haben. Das Schreiben war eine Seite der Existenz Ihres Vaters. Die andere, ihn ebenso prägende Seite war seine Arbeit als Arzt sowie sein öffentliches Engagement. Wie wirkte es sich auf ihn aus, dass er im Exil kein Arzt mehr sein konnte?
Stephan Döblin: Das ist leicht zu verstehen. Er wollte seinen Beruf als Arzt ausüben, er stellte mehrere Anträge. Er hätte es aus finanziellen Gründen begrüßt. Als wir im Exil waren, waren die Einkünfte aus Tantiemen nicht gerade üppig. Sie waren nie sehr üppig gewesen, nicht einmal in Deutschland, bis auf die für ›Berlin Alexanderplatz‹. Am Anfang des Exils hatte er keine Arbeitserlaubnis, als wir aber im Oktober 36 französische Staatsbürger wurden, meinte er, er hätte bereits so viel erreicht, dass er kein neues Verfahren in Gang setzen würde, um eine Genehmigung oder was auch immer zur Approbation erforderlich wäre zu erhalten. Seine deutschen Diplome wurden nicht anerkannt, und so beharrte er nicht darauf. In den Vereinigten Staaten dachte er nochmals daran, weil er finanziell so abhängig wurde. Aber es war zu kompliziert, und er hatte nicht die Energie, das zu tun. Hätten die Regeln des gemeinsamen europäischen Marktes damals gegolten, wäre es ein einfacheres Leben für sie gewesen.
Neue Rundschau: Ihr Vater war manchmal erstaunlich selbstkritisch, wenn wir z. B. an die Stelle in einem Brief an Thomas Mann 1935 denken: ›Jedenfalls meine Bücher sind mit Recht verbrannt.‹ Warum schrieb er das?
Stephan Döblin: Das meinte er nicht ernst. Er konnte Thomas Mann viel zu wenig leiden, nein, nein, er meinte es nicht so. Innerlich war er extrem stolz auf sich selbst. Er strebte immer nach Verbesserung. Ich sah, wie er unentwegt redigierte und redigierte und redigierte. Er hörte niemals auf. Ich weiß nicht warum, aber er hatte immer noch für soundso viele Seiten mehr zu sagen. Als ob ein Buch dann etwas bedeutete, wenn es 600 oder 700 Seiten hatte, das Wichtige war, ein gutes Buch zu machen; für ihn drückte die Länge auch etwas aus. Ich habe nie mit ihm darüber gesprochen, ob er sich für einen außergewöhnlichen Schriftsteller hielt. Ich denke, es wäre nicht angemessen für einen Jungen gewesen, das zu fragen. Ich habe von ihm kein einziges Wort der Selbstkritik gehört. Was ich sagen kann, ist, dass er so stolz war, dass ich es mir nicht vorstellen konnte. Allerdings ist die Attitüde typisch für ihn, ach, es ist alles schrecklich – das heißt, die ganze Welt ist gegen mich. Ich glaube ganz und gar nicht, dass er sich deshalb für einen schlechten Schriftsteller hielt. Aber er hatte Selbstzweifel, so viel ist sicher.
Neue Rundschau: Er bezweifelte die Rolle der Intellektuellen.
Stephan Döblin: Oh ja, ganz bestimmt. Seine Frage war, ob die Intellektuellen Einfluss ausüben könnten oder ob irgendetwas von dem, was sie sagten oder schrieben, überhaupt einen Zweck hätte. Aber er glaubte fest an ihre Bedeutung. In den Vereinigten Staaten und auch in Frankreich wurde mir sehr deutlich, dass er fühlte, die Intellektuellen müssten sich äußern über den Nazismus und sie müssten gegen das kämpfen, was mit armen und verfolgten Menschen geschah. Das habe ich ihn oft sagen hören. In den USA war er sehr aufgebracht darüber, dass die Intellektuellen so in sich gekehrt, so introspektiv waren, anstatt sich zu äußern, und er erkannte, dass es zum Teil ihr Versagen war, dass sie nicht das Nötige taten, um das Bewusstsein anderer zu verändern. Das war das Ziel seines Schreibens. Allerdings bezweifelte er, dass es irgendeine Wirkung haben würde.
Er wusste, dass seine Bücher nicht verkauft wurden, das sah er mit Sicherheit. Und so sagte er sich, wenn die Leute meine Bücher nicht kaufen, heißt das, ich bin kein guter Schriftsteller, die Menschen verstehen mich nicht. Aber er war durchaus selbstbewusst. Dennoch erkannte er: Da läuft etwas schief. Thomas Mann ist in der Lage, Bücher zu verkaufen (weil er kommerzielle Bücher schrieb).
Neue Rundschau: Seine Bücher waren zu gut, heißt es öfter.
Stephan Döblin: Zu mir sagte er, seine Bücher seien nicht interessant für die Massen. Wir sprachen darüber, und er sagte, er sei kein Massenautor: Hoffe nicht auf eine massenhafte Rezeption meiner Bücher! Vielleicht hätte ich daraus lernen sollen; ich hätte mich daran erinnern sollen, denn heute, 50 Jahre nach seinem Tod, interessieren sich die Massen immer noch nicht für seine Bücher. Wissen Sie, Kinder möchten sehen, wie ihre Väter anerkannt und ausgezeichnet werden. Später wird einem klar, dass er nicht diese Art von Schriftsteller ist. Er ist nicht Agatha Christie. Es fiel ihm schwer, das zu akzeptieren. Und dann Thomas Mann, der nach seiner Auffassung rein für das Publikum schrieb. Das stürzte ihn in eine Krise.
Neue Rundschau: Alfred Döblin hat als Kind schlimme Szenen zwischen seinen Eltern miterlebt, und er schrieb: ›Wir hielten alle zur Mutter.‹ In seinen Büchern hat Ihr Vater oft an das Trauma seiner Kindheit erinnert. – Ihr Bruder Wolfgang hatte eine sehr enge Beziehung zur Mutter; wie war die Konstellation bei Ihnen und den anderen Brüdern?
Stephan Döblin: Nun ja, ich habe später eigentlich nur mit Peter darüber gesprochen. Peter war mein engster Vertrauter in der Familie, schon als wir im Exil in Frankreich waren. Obwohl er Frankreich ein Jahr nach unserer Ankunft verließ, hatte Peter mir sehr nahe gestanden. Für ihn war ich ›der Kleine‹, er war nicht eifersüchtig. Klaus war sehr eifersüchtig auf mich, und zwar von Anfang an. Das war normal, er war der Letzte gewesen, und neun Jahre später kommt noch einer. Wolfgang interessierte sich überhaupt nicht für mich. Für ihn muss ich ein ›Unfall‹ zwischen Vater und Mutter gewesen sein, die nicht aufgepasst und mich gezeugt hatten! Es gab keinerlei Zuneigungsbekundungen zwischen Wolfgang und mir.
Das Problem ist, dass die anderen Kinder Vaters Affären kannten. Das schloss nicht Frieda Kunke und Bodo ein, davon wusste niemand von uns. Mein Vater und insbesondere meine Mutter hatten es tatsächlich geschafft, diese Geschichte von uns fernzuhalten. Die ganze Art und Weise, wie meine Mutter damit umging, ist traurig. Denn wir hätten alle verstanden, dass Vater in der Vergangenheit diese Beziehung hatte und dass es da noch einen anderen Jungen gab. Er wäre Teil der Familie gewesen.
Wirklich geschadet hat uns Yolla. Ich bin Yolla erst begegnet, als ich in den Vereinigten Staaten war. Davor wusste ich nicht, dass es sie gab. Ich gab nichts darauf. Sie war einfach nur irgendjemand. Aber ich weiß von Peter und von Klaus, dass Vaters Umgang mit Yolla (den ich mir vorstellen kann, da ich Yolla ein wenig kenne und meine Mutter kenne; dies waren zwei vollkommen unterschiedliche Frauen, die eine der mütterliche Typ und die andere sentimental-hingebungsvoll-bewundernd) zu einer sehr befremdlichen Situation führte.
Peter und ich waren immer voller Bewunderung für unseren Vater, liebten unseren Vater. Peter bewunderte seinen Vater so sehr, dass Vater alles hätte tun können, er wäre ihm gefolgt. Mutter war sehr ›Gendarme‹ mit Peter. Sie verkörperte die Regeln, du musstest die Regeln respektieren, und Peter konnte das einfach nicht ertragen, denn Peter war exzentrisch. Urplötzlich fing er an, dumme Bemerkungen zu machen, er wusste nicht, wann er aufhören musste, er konnte sich nicht ruhig verhalten in der Öffentlichkeit. Mutter konnte das nicht ausstehen; Vater lachte darüber und verstand ihn. Wir können Peter nur danken für das, was er gewesen ist.
Wolfgang war außergewöhnlich ernsthaft, ständig so hart am Studieren, immerzu in seine Arbeit vertieft – was auch immer seine Arbeit war, das war uns nicht klar. Er war also ein fleißiger Student, und meine Mutter respektierte das sehr. Aber er war auch dermaßen kritisch gegenüber meinem Vater. Es gab heftige Auseinandersetzungen, und ich verstand nicht, weshalb sie sich stritten. Er war oft außer Haus, ging seiner eigenen Wege und aß nicht immer mit uns. Zu Weihnachten und Nikolaus war er da, zu anderen Festen aber nicht. Also gab es da Spannungen.
Klaus besuchte eine Handelsschule, und er war kein guter Schüler. Meine Mutter machte sich große Sorgen um seine Zukunft. Er schien eher handwerklich begabt als intellektuell. Für meinen Vater war er somit nicht der Junge, den er sich wünschte, weil er in der Schule nicht erfolgreich war und damals zu viel Zeit damit verbrachte, ›den Mädchen hinterherzulaufen‹. Das wiederum war überhaupt nicht Wolfgangs Problem!
Um 1934 dann war die Familie sehr gespalten und von finanziellen Nöten zerrüttet. Mutters Sorge war immer nur – wir haben nicht das Geld, wir haben kein Geld. Meiner Meinung nach war das nicht das Hauptproblem, wir hätten ein anderes Leben führen können. Sie war immer so besorgt, was morgen sein würde. Wir können nicht so weitermachen ›… du musst arbeiten, Peter, du musst irgendwo hingehen und arbeiten …‹ Peter bemühte sich so sehr zu arbeiten, aber er konnte nichts finden. Endlich besorgte Rosin ihm einen Job in den Staaten, und dann waren wir später sehr froh, dass Peter helfen konnte.
Mutter ließ Wolfgang in Ruhe, weil er studierte. Klaus, der Arme, erlitt dasselbe Schicksal, diesen Druck, einen Job finden zu müssen. Gott sei Dank kam die Armee – wenn Sie so wollen, ging er wegen der Armee fort. Und mir passierte später dasselbe. Mutter sagte, du musst jetzt arbeiten gehen …
So gab es einen andauernden finanziellen Druck, den meine Mutter ausübte, was Vater nicht verstand oder worum er sich nicht kümmerte. Wir waren seine Kinder, und er konnte all diese Probleme nicht begreifen, warum all dieser Druck, Arbeit zu finden, ausgeübt wurde.
Also war es eine traurige Familie. Mich bekümmerte, dass die Eltern nicht in der Lage waren, eine wirkliche Familie aufzubauen. Dafür sind viele Faktoren verantwortlich. Die Bedingungen des Exils nach 1933. Die Tatsache, dass Vater von einem Niemand zu einer bekannten Persönlichkeit wurde, und plötzlich machte seine Art intellektuellen Überschwangs ihn ein wenig zu dem, was wir im Englischen einen ›fat head‹ nennen. Und nach dem Rampenlicht kam dann die Zeit, in der er das Gefühl hatte, nicht länger anerkannt, ein Nichts zu sein.
Natürlich war da Liebe zu den Kindern als Einzelnen, aber nicht als Familie. Da war die Verantwortung, sich um die Kinder zu kümmern, aber es gab nicht die Vorstellung, wir müssen die Kinder dazu bringen, einander zu lieben und zusammen eine Familie zu sein. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass Claude und Wolfgang die Ferien immer allein verbrachten. Ich wurde von 1934 an, als kleiner Junge ins Ferienlager geschickt. Ich habe die Ferienzeit niemals mit meinen Eltern verbracht.
Neue Rundschau: Das war in vielen Familien üblich damals.
Stephan Döblin: Es hieß einfach, dass wir nicht als Familie zusammenlebten. Mutter musste später sehr teuer dafür bezahlen, dass sie diesen ›Familienstil‹ begründet hatte. Der Einzige, der sich um die Familie bemühte, war Peter. In dieser Zeit der Spannungen und der Katastrophe bekam Mutter die Konsequenzen zu spüren, denn es gab keinen Zusammenhalt.
Neue Rundschau: Wie war es, als Ihr Vater entdeckte, dass sie die Briefe von Yolla Niclas konfiszierte und ihm nicht gab? Dies kehrt in der Stauffer-Geschichte in November 1918 wieder.
Stephan Döblin: Das war in den USA, Peter nahm das in die Hand. Die vier Jahre in den Vereinigten Staaten waren schlimme Jahre. Es gab nicht einen Monat, in dem die Eltern nicht stritten. Mutter war ungeduldig, sie hatte gesundheitliche Probleme. Sie lief weg von zu Hause, sie ging fort. Sie ließ Vater und mich ganz alleine zurück. Sie verschwand für zehn Tage und so weiter; sie ging in ein buddhistisches Kloster in der Nähe von Los Angeles, von dem Heinrich Mann ihr erzählt hatte. Ich verstand diese Krisen nicht. Ich erfuhr die Gründe erst hinterher, weil Peter mir die ganze Geschichte erzählte. Er war derjenige, der versuchte, Yollas Briefe an Vater weiterzuleiten. Yolla war in New York, und sie hielt weiter Kontakt, was unglaublich ist. Etwas stimmte da nicht mit Vater, denn er hätte begreifen müssen, dass es eine Grenze gab. Sogar später noch, als wir aus dem Exil zurückkehrten, setzte er diese Geschichte mit Yolla fort. Er traf weiterhin Bodos Familie. Offensichtlich wurde daraus ein Dauerproblem. Mutter sagte immer wieder, dass sie den Kindern zuliebe trotz der Streitereien bliebe.
Diese sentimentalen Aspekte seines Lebens machen nicht gerade die glorreichste Phase der Familie aus. Er bezahlte einen hohen Preis dafür, denn infolgedessen stritt sie mit ihm und stritt und stritt … Sie hätten die beiden sehen müssen, am Ende in Deutschland. Ich sagte zu Mutter: ›Du kannst ihn nicht allein lassen, du musst nach Deutschland gehen, und du musst bei ihm bleiben.‹ Sie tat es nicht, sie entschuldigte sich bei mir stets damit, dass sie die Deutschen nicht mehr ertragen könnte … Aber in Wahrheit – sie liebte und bewunderte Vater, und da war ihre Erziehung, eine sehr strenge Erziehung – aber sie konnte nicht verzeihen. Es war offensichtlich, man musste Yolla nicht kennen, man sah, dass es ein Problem zwischen den beiden gab. In jenen Tagen ließ man sich nicht scheiden.
Neue Rundschau: Seit 1937 bis zu seinem Tod war Ihr Vater sehr eng befreundet mit dem Germanisten, Essayisten und Kulturhistoriker Robert Minder. Döblin ging auch davon aus, dass Minder seine Werkausgabe bei der Akademie der Wissenschaften in Mainz herausgeben würde. Mit keinem anderen wechselte er so viele Briefe. Sie sind unveröffentlicht und würden einen eigenen Briefband füllen. Wann wird diese Korrespondenz veröffentlicht werden?
Stephan Döblin: Minder war kein einfacher Mensch. Ich kannte Minder sehr gut. Minder war ein typischer Professor und ein strenggläubiger Protestant. Er wusste um seine Überlegenheit. Er wusste auch, dass wir ihm eine Menge Respekt schuldeten, weil er in Frankreich viel getan hatte, um meinen Vater zu unterstützen, ihn unter den französischen Intellektuellen bekannt zu machen.
Er vertrat die Position – wahrscheinlich, weil meine Mutter ihn um Hilfe gebeten hatte –, dass die Mainzer Akademie, an deren Gründung mein Vater beteiligt war, eine gute Lösung wäre. Ich möchte nicht darüber urteilen, ob dies das Beste war oder nicht.
Claude, Peter und ich hatten das Gefühl, es sei möglicherweise nicht richtig, das zu tun und sämtliche Schriften, einschließlich der Korrespondenz, in die Hände der Mainzer Akademie zu legen. Claude war sehr wütend darüber. Wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich sicher nicht so reagiert, wie ich damals reagiert habe. Claude schlug zuerst die Schlacht darum, wer drucken würde und wie mit dem Nachlass umgegangen werden sollte. Und das war die erste Krise mit Minder. Und dann kam die Krise wegen der Publikation privater Briefe und privater Gespräche durch Minder. Minder wollte all diese Sachen veröffentlichen, und Claude sagte, wir können das nicht veröffentlichen lassen, wir kennen den Inhalt dieser Dokumente nicht … Es gibt Themen, die zu delikat sind, um in die Öffentlichkeit getragen zu werden. Es war also eine verschlossene, scheinheilige Haltung, die ich respektiere, da es eine Grenze dafür gibt, was man als Familie zulassen kann. Das Ganze führte am Ende zu einem Rechtsstreit mit Minder.
Inzwischen sind 50 Jahre vergangen. Bis zu Claudes Tod im Jahr 2005 versuchte ich ihn zu überzeugen, damit aufzuhören. Aber Claude hatte es zu weit getrieben, und sein Ego war so beschaffen, dass er seine Haltung dazu nicht ändern wollte. Ich habe jetzt signalisiert, dass alles – außer, wenn es in dieser Korrespondenz extrem schockierende Dinge geben sollte, was ich mir nicht vorstellen kann – veröffentlicht wird. Ich sähe sie sogar gern veröffentlicht, weil sie dabei helfen könnte, die familiären Beziehungen und ihren Einfluss auf die Texte meines Vaters besser zu verstehen. Ich bin sicher, dass mein Vater sich in diesen Dokumenten etwas eingehender über seine Probleme mit Erna erklärt hat. Ich weiß, dass Minder bis zum Ende der häufigste Gast in unserem Haus war. Ich habe also kein Problem damit. Es ist nun an jemandem aus den Reihen der Universitätsprofessoren, gemeinsam mit Corinne Minder und der Familie Minder die notwendigen Schritte zu unternehmen und eine Lösung für die Veröffentlichung dieser Dokumente zu finden.
Neue Rundschau: Wissen Sie, ob Ihr Vater ein Tagebuch geführt hat?
Stephan Döblin: Davon weiß ich nichts. Ich habe nie eines gesehen.
Neue Rundschau: Manche Verfolgte der Nationalsozialisten haben ihren Glauben an Gott verloren, Elie Wiesel zum Beispiel. Ihr Vater hingegen stellte fest: ›Eigentlich habe ich in meiner Armut gewonnen.‹ Wie haben Sie die religiöse Entwicklung Ihres Vaters erlebt?
Stephan Döblin: Als junger Mann hat man dafür überhaupt kein Gespür. Vater und Mutter, aber im wesentlichen Vater, bezogen hierzu Position und sagten, Stephan, du brauchst eine bessere Bildung. Du brauchst mehr Kultur und mehr Moral, und sie brachten mich in Kontakt mit den Jesuiten. Ich begriff nicht, was da vor sich ging; alles, was ich verstand, war, dass ich auf eine bessere Schule gehen würde. Ich war sehr unglücklich in der öffentlichen Schule gewesen. Ich kam nicht zurecht, weil ich kein Baseball spielte, ich spielte kein Football und all das, wofür sich die amerikanischen Jugendlichen interessierten.
Der Unterricht war dermaßen schlecht im Vergleich mit dem Lycée in Paris – ich war in Frankreich in der fünften Klasse, la cinquième, als wir ins Exil gingen – so nahm ich diesen Wechsel als ein schulisches und nicht als ein religiöses Ereignis. Und dann boten die Jesuiten den Kindern intelligenterweise nicht nur eine Allgemeinbildung, sondern auch Religionsunterricht an. Ich wusste seinerzeit nicht, was es bedeutete, jüdisch oder katholisch zu sein, also besuchte ich einfach die Religionsstunden bei den Jesuiten, die Teil des Lehrplans waren.
Zur gleichen Zeit sprach mein Vater mit den Jesuitenpatres, sowohl zu Hause als auch in der Kirche. So wurde das alles sehr normal. Und ganz plötzlich fassten Vater und Mutter den Entschluss und sagten mir, dass wir uns taufen lassen würden. Was ich in der Schule lernte, ergab Sinn. Es fehlte etwas in meinem Leben, aber ich muss sagen, es gab zumindest für mich keinerlei Mystizismus, so etwas spielte keine Rolle. Religion würde eine Art Balance in mein Leben bringen, eine Art Ziel, das versuchten auch Vater und Mutter mir zu erklären.
Neue Rundschau: Sie haben mir gesagt, dass einige Leute in Hollywood von Ihrer Taufe wussten.
Stephan Döblin: Ja, Reichenbach und Toch. Ich wusste, dass Vater Frau Reichenbach und Toch davon erzählt hatte. Vielleicht haben Toch und andere mit meinem Vater über Religion gesprochen, aber das war niemals offensichtlich für mich. Wir machten keine große Sache daraus. Nachdem wir zur Kirche gegangen waren, lebten wir unser Leben. Das Einzige ist, dass Vater sagte, es ist ein Geheimnis, also rede nicht darüber. Es gab keinen Grund, warum ich sagen sollte: ›Weißt du, ich bin ein Katholik.‹
Neue Rundschau: In den USA war die familiäre Bindung zu Peter stark, obwohl er weit entfernt lebte.
Stephan Döblin: Was immer Vater auch tat, Peter machte es nach. Hätte Vater gesagt, ich werde Moslem, Peter wäre Moslem geworden. Es war alles Bewunderung für Vater, Vater tat das Ideale, keine Diskussion.
Neue Rundschau: Als letztes Jahr die Stadt Emmendingen einen Empfang aus Anlass des 50. Todestages ausrichtete, wurde Musik von Alexandre Tansman gespielt, und Sie sagten, dass Ihre Familie mit den Tansmans häufigen Kontakt in Los Angeles hatte. Es ist eine unbekannte Facette der Biographie, können Sie uns etwas darüber sagen?
Stephan Döblin: Tansman und Vater kannten sich aus Deutschland, und es war nichts Ungewöhnliches zwischen Exilanten, sich zu treffen. Wenn Ludwig Marcuse oder Heinrich Mann oder Brecht sich mit meinem Vater trafen, gab es ausgiebige Diskussionen und Auseinandersetzungen. Diese Momente der Diskussion bekam man unvermeidlich mit, ebenso wie die einfachen Gespräche, aber ich verstand nichts von alledem. Allerdings konnte ich sehr wohl spüren, dass die Diskussion intensiv war. Man merkte, dass hier starke Emotionen ausgetauscht wurden. Mit Tansman gab es eher die Exilantengespräche über die alltäglichen Sorgen des Lebens. Ich denke, Tansman respektierte meinen Vater sehr, so wie mein Vater auch ihn.
Neue Rundschau: Der letzte Roman, den Ihr Vater geschrieben hat, als Sie noch bei der Familie lebten, war Hamlet, er gilt als autobiographischer Schlüsselroman. Die Ehe zwischen dem Schriftsteller Gordon Allison und seiner Frau wird hier als Strindberg-Ehe bezeichnet. Ist dies eine Perspektive von außen?
Stephan Döblin: Er war von seinen eigenen Problemen inspiriert, als er dieses Buch schrieb. Das ist sehr deutlich, die ganze Geschichte gründet offenkundig auf dem Schmerz, dass der Vater keine wirkliche Beziehung zu seinem Sohn hatte. Dies führte in Wolfgangs Fall aus der Sicht meines Vaters zur Verständnislosigkeit, zur Nicht-Kommunikation mit Wolfgang, dazu, dass Wolfgang Selbstmord beging. Meine Eltern litten mehr unter den Umständen seines Todes. Wäre Wolfgang getötet oder von der Wehrmacht gefangen genommen worden, wäre es etwas anderes gewesen als der Selbstmord. Die Schuldgefühle meines Vaters gegenüber Wolfgang waren sehr stark, so wie natürlich auch die Beziehung zwischen Mutter und Sohn.
Sie wissen besser als ich, wie Vater oft ein Problem aus dem ›wirklichen Leben‹ herausgriff und begann, es weiterzuspinnen, von dort aus weiterzudenken. Mit Sicherheit bereute er, dass es zwischen ihm und Wolfgang keine normale Kommunikation gegeben hatte. Er bereute, er schämte sich. Wolfgang ging 1938 fort zur Armee, und sie redeten nicht miteinander, sie hatten keine Aussprache. Da gab es kein ›ach, es tut mir leid‹. Und dann sein Tod, diese Trennung, und die Tatsache, dass sie niemals zu irgendeinem Zeitpunkt ihre Liebe zueinander ausgedrückt hatten, und insbesondere der Vater nicht gegenüber seinem Sohn, was dazu beigetragen haben mag, dass Wolfgang keinen Lebensmut mehr hatte, das hat Vater sicher sehr weh getan.
Meine Mutter weinte immerzu, ›mein Junge, mein Junge, mein Junge …‹, und Mutter bestrafte Vater hart, indem sie dafür sorgte, dass er sich verantwortlich fühlte. Mutter ging sehr oft nach Housseras, immer ohne Vater, wodurch sie Vater darin bestärkte, sich schuldig zu fühlen, er, der seinen Sohn nicht verstanden hatte, und wenn er es nur getan hätte, dann wäre er nicht dort, wo er ist.
Neue Rundschau: Die Mainzer Akademie wollte wissen, wann das Begräbnis Ihres Vaters stattfinden würde, und Ihre Mutter wollte es nicht mitteilen.
Stephan Döblin: Oh ja, das weiß ich sehr genau, weil ich bei ihr war. Ich habe das mit ihr besprochen. Sie war voller Zorn auf alle Intellektuellen. Vater lag noch auf seinem Totenbett, und ich sagte, was wirst du veranlassen, sollten wir nicht Minder Bescheid sagen, sollten wir nicht irgendjemanden benachrichtigen? – Nein, nein, alle diese Leute haben uns im Stich gelassen, dies ist eine Familienangelegenheit, dies ist kein öffentliches Ereignis. Man hat uns fallengelassen. – Sie hatte immer dieses Gefühl, aber das war nicht fair, denn sie hatte Hilfe von der Mainzer Akademie und anderen bekommen. – Aber nichtsdestotrotz war ihre Haltung: ›Aus und vorbei!‹ Gott sei Dank war es am Ende Minder, der sagte, Sie müssen etwas tun, Sie müssen es mitteilen. Die Beerdigung in Housseras war sehr traurig, eine furchtbare Sache …
Neue Rundschau: Es war kein Priester da –
Stephan Döblin: Kein Priester, niemand. Ich musste dem Fahrer des Wagens dabei helfen, die Riemen anzubringen und den Sarg in den Boden zu senken. Da war niemand.
Neue Rundschau: Nur Ihre Mutter und Sie?
Stephan Döblin: Alle anderen kamen später. Claude kam am Tag nach der Beerdigung, weil er es nicht rechtzeitig schaffte und Mutter nicht auf ihn warten wollte. Ich sagte, sollten wir nicht warten, bis Claude hier ist? Sie traf Claude in Epinal, 15 km entfernt, sie gingen am Tag darauf zum Friedhof. Ich musste zurückkehren, weil Nathalie allein war. Es war schrecklich, die ganze Sache war traumatisch.
Neue Rundschau: Es gab auch kein Requiem in Emmendingen oder in Housseras?
Stephan Döblin: Nein, nichts, unglaublich. Ich weiß nicht, wer Schuld hatte. Aber sicher war es hauptsächlich meine Mutter, sie wollte nicht, dass irgendetwas organisiert wurde. – ›… Dieser Mann ist die ganze Zeit über ignoriert worden; er wird auch in seinem Tod ignoriert werden.‹ Sie hakte es einfach ab. Ich weiß, dass es sie tief im Inneren getröstet hätte, hätte sie dies richtig gemacht. Weil sie es so vorantrieb, alles sehr schnell erledigte und niemand etwas erfuhr, waren wir am Ende vollkommen einsam.
Neue Rundschau: Ein Lebensziel Ihres Vaters und der Erbengemeinschaft ist erreicht: Seine Werke, auch seine Essays und Feuilletons sind 50 Jahre nach seinem Tod in der Walter-Werkausgabe versammelt. Sie haben den Rückkauf der Rechte durch den Fischer Verlag erfolgreich verhandelt. Wird das gesamte Werk noch einmal neu aufgelegt werden?
Stephan Döblin: Nein, das ist nicht die Absicht. Es wurde vereinbart, dass die wichtigsten Bücher und Essays als Taschenbücher erscheinen, die gebundenen Bücher werden eine Auswahl darstellen. Das deutsche Publikum mag Taschenbücher. Das Wichtige ist nicht, ob etwas gedruckt oder nicht gedruckt wird, das Wichtige ist, dass man einen Verlag hat, der an den Büchern interessiert ist und sie wirklich schätzt, und dass etwas dafür getan wird, dass Veranstaltungen organisiert werden, die Medien darüber berichten, dass es Besprechungen gibt, damit Leser auf die Bücher aufmerksam werden. Vielleicht erregt ›November 1918‹ ganz plötzlich Interesse. Und es wäre gut, wenn für die anderen Bücher dasselbe getan würde. Möglicherweise haben wir eines Tages genauso ein Interesse für ›Hamlet‹ oder einen anderen Text. Manche Bücher sind so komplex, dass ihre Verbreitung sehr begrenzt bleiben wird. Warum sollte man einen Lektor oder einen Verleger drängen, ein Buch groß herauszubringen, das aus dem einen oder anderen Grund nicht das Publikum erreicht. Das Interesse ist nicht da. Das müssen wir respektieren. Die erfolgreiche Publikation hängt davon ab, dass der Verlag mit wohlüberlegten Initiativen das Interesse des Lesers weckt.

Das Gespräch führte Christina Althen im November 2008 in Berlin.
Aus dem Englischen von Markus Kessel